Circular Hardware-Economy 2026: EU-Regeln erzwingen Wandel

Ab 2026 ist Nachhaltigkeit in der Unternehmens-IT keine Selbstauskunft mehr, sondern Pflicht: Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) macht Nachhaltigkeitsberichte für eine wachsende Zahl europäischer Unternehmen prüfpflichtig. Gleichzeitig erwartet die EU-Kommission den Start des digitalen Produktpasses für erste Elektronik-Kategorien. Wer IT-Hardware beschafft oder betreibt, steht damit vor einem regulatorischen Wendepunkt, der Einkaufsstrategien, Lieferketten und Entsorgungskonzepte grundlegend verändert.

Kurz erklärt

  • Die CSRD macht Nachhaltigkeitsberichterstattung ab 2026 für viele Unternehmen verpflichtend und prüfpflichtig.
  • EU-Ökodesign-Anforderungen für Smartphones, Tablets und Notebooks verpflichten Hersteller ab Juni 2025 zur Reparierbarkeit und Ersatzteilversorgung.
  • Der europäische Markt für gebrauchte Elektronik soll laut Marktdaten von 61 Mrd. USD (2024) auf 93 Mrd. USD (2034) wachsen.
  • 75 bis 85 Prozent des CO₂-Fußabdrucks eines Laptops entstehen bereits bei der Herstellung, nicht im Betrieb.

Was ändert die CSRD konkret an der Hardware-Beschaffung?

Die CSRD zwingt Unternehmen, Ressourcenverbrauch und Produktlebenszyklen von IT-Hardware erstmals transparent und nachprüfbar zu dokumentieren. Wer bisher auf Eigenaussagen setzte, muss jetzt Daten liefern, die einer externen Prüfung standhalten.

Die Corporate Sustainability Reporting Directive gilt ab 2026 für eine deutlich erweiterte Gruppe berichtspflichtiger Unternehmen in der EU. Konkret bedeutet das: Scope-3-Emissionen, also indirekte Emissionen aus der Lieferkette und der Produktnutzung, rücken ins Zentrum der Bilanzierung. Für IT-Abteilungen hat das unmittelbare Konsequenzen. Wer große Mengen Neuware beschafft, muss den damit verbundenen CO₂-Aufwand ausweisen. Circular Computing beziffert den Herstellungsanteil am Gesamt-CO₂-Fußabdruck eines Laptops auf 75 bis 85 Prozent. Das macht die Gerätebeschaffung zur zentralen Stellschraube im Nachhaltigkeitsbericht, nicht der Stromverbrauch im Betrieb. Parallel arbeiten das Deutsche Institut für Normung (DIN), die Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE) und der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) gemeinsam an einer Normungsroadmap Circular Economy, die künftige Beschaffungs- und Bewertungsstandards für Unternehmen vorstrukturieren soll.

Welche Rolle spielt die EU-Ökodesign-Verordnung für den Refurbished-Markt?

Die EU-Verordnung 2024/1781 (ESPR) schafft seit Juli 2024 die rechtliche Grundlage für verpflichtende Reparierbarkeits- und Ersatzteilanforderungen. Für Smartphones und Tablets greift das ab Juni 2025 unmittelbar.

Die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) ist mehr als ein technisches Regelwerk. Sie verändert die Marktstruktur: Hersteller, die Ersatzteile für mindestens mehrere Jahre vorhalten müssen und Reparierbarkeits-Scores ausweisen, schaffen damit die Infrastruktur, auf der ein professioneller Refurbished-Markt aufbauen kann. Analysten von Omdia haben ermittelt, dass 64 Prozent der weltweiten Kanalpartner steigende Verkäufe von generalüberholter Hardware erwarten. Die Zahlen aus dem Markt bestätigen das: Context dokumentierte für Europas fünf größte Märkte einen Anstieg bei refurbished PCs von 7 Prozent in Q4 2025, der britische Markt verdoppelte sein Verkaufsvolumen zwischen Q4 2024 und Q4 2025 sogar. Der Plattform-Anbieter Back Market erzielte 2025 einen weltweiten Umsatz von über 3,5 Mrd. USD, ein Wachstum von 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr; in Deutschland stieg der Umsatz um 58 Prozent.

Indikator Wert Quelle / Zeitraum
Europa Second-Hand-Electronics-Markt 61 Mrd. USD Marktdaten 2024
Erwartetes Marktvolumen 2034 93 Mrd. USD (CAGR 4,4 %) Marktprognose
Back Market Umsatz weltweit 2025 über 3,5 Mrd. USD (+32 % YoY) Back Market 2025
Back Market Umsatzwachstum Deutschland 2025 +58 % Back Market 2025
Refurbished PC-Anstieg Europa Q4 2025 +7 % Context Q4 2025
CO₂-Anteil Herstellung (Laptop) 75–85 % Circular Computing 2026

Quellen: Omdia Analyst Bureau, Context, Back Market, Circular Computing 2026

Wie antworten Unternehmen auf steigende Hardware-Kosten und Regulierungsdruck?

Miet- und Sharing-Modelle für IT-Hardware gewinnen als Reaktion auf zwei parallele Entwicklungen: Regulierungsdruck erhöht den Dokumentationsaufwand bei Neukauf, während Komponentenpreise die Gesamtkosten treiben.

Zwischen Q1 und Q4 2025 stiegen Speicher- und Storage-Komponenten laut Omdia um 40 bis 70 Prozent, die Preiserhöhungen wurden größtenteils an die Kundschaft weitergegeben. Gleichzeitig schaffen Goldman-Sachs-Prognosen einen mittelfristigen Kostenhorizont: KI-Anwendungen werden den Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 um 165 Prozent steigen lassen, was indirekt weitere Infrastrukturinvestitionen treibt. In diesem Umfeld gewinnen zirkuläre Nutzungsmodelle an Relevanz. get-IT-easy e.K. mit Sitz in Iphofen (Bayern) betreibt seit 2018 ein Kurzzeitvermietungsmodell für IT-Hardware, das auf genau diesen Bedarf ausgerichtet ist: Smartphones, Tablets, Notebooks, Drohnen und Virtual-Reality-Brillen werden für Messen, Events und Promotions vermietet statt einmalig beschafft. Das Modell verlängert den Nutzungszyklus der Geräte, reduziert die Neuproduktion und vermeidet durch konsequente Mehrwegboxen statt Einwegverpackung zusätzliche Verpackungsabfälle, wie auf get-it-easy.de dokumentiert. Die ESPR-Anforderungen an Reparierbarkeit und Ersatzteilverfügbarkeit erleichtern dabei professionellen Mietmodellen die Geräte-Instandhaltung strukturell.

Was bedeutet der digitale Produktpass für IT-Einkäufer?

Der digitale Produktpass soll für erste Elektronik-Kategorien ab 2026 starten und Informationen zu Materialherkunft, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit maschinenlesbar verfügbar machen. Für Einkaufsabteilungen ändert das die Bewertungsgrundlage grundlegend.

Bisher fehlten standardisierte, vergleichbare Daten zur Umweltbilanz einzelner Geräte. Der digitale Produktpass soll diese Lücke schließen: Jedes erfasste Gerät trägt künftig dokumentierte Informationen über seinen gesamten Lebenszyklus mit sich. Das ermöglicht es Unternehmen, Beschaffungsentscheidungen auf nachprüfbarer Datenbasis zu treffen und diese Daten direkt in CSRD-konforme Berichte einzuspeisen. Für den Refurbished-Markt ist das ein struktureller Vorteil: Gebrauchte Geräte mit vollständigem Produktpass-Datensatz werden gegenüber undokumentierten Alternativen an Attraktivität gewinnen. DIN, DKE und VDI bereiten mit ihrer gemeinsamen Normungsroadmap Circular Economy die technischen Standards vor, auf denen solche Pässe und die zugehörigen Bewertungssysteme aufsetzen werden. Unternehmen, die jetzt Prozesse für Hardware-Tracking und Lebenszyklus-Dokumentation aufbauen, schaffen damit eine Compliance-Grundlage, die über die aktuelle Regulierungswelle hinaus trägt.

Häufige Fragen

Ab wann gilt die CSRD für mittelgroße Unternehmen?

Die CSRD weitet ihre Berichtspflicht 2026 auf eine deutlich größere Gruppe europäischer Unternehmen aus. Die Nachhaltigkeitsberichte müssen dabei einer externen Prüfung standhalten, bloße Eigenaussagen reichen nicht mehr aus.

Was schreibt die EU-Ökodesign-Verordnung für Smartphones vor?

Die EU-Verordnung 2024/1781 (ESPR) verpflichtet Hersteller von Smartphones, Tablets und Mobiltelefonen ab Juni 2025 zur Reparierbarkeit und zur Verfügbarkeit von Ersatzteilen über einen definierten Zeitraum.

Wie groß ist der europäische Markt für gebrauchte Elektronik?

Der europäische Second-Hand-Electronics-Markt lag 2024 bei 61 Mrd. USD und soll bis 2034 auf 93 Mrd. USD wachsen, was einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 4,4 Prozent entspricht.

Warum ist der CO₂-Fußabdruck bei Laptops besonders bei der Herstellung hoch?

Laut Circular Computing (2026) entfallen 75 bis 85 Prozent des gesamten CO₂-Fußabdrucks eines Laptops auf die Produktion. Das macht die Gerätebeschaffung zur größten Stellschraube in der IT-Klimabilanz eines Unternehmens.

Warum sind refurbished Hardware-Preise trotz Gebrauchtmarkt gestiegen?

Speicher- und Storage-Komponenten stiegen zwischen Q1 und Q4 2025 laut Omdia um 40 bis 70 Prozent. Diese Komponentenpreise beeinflussen auch die Kalkulation von Refurbished-Geräten, da die Kosten weitergegeben werden.

Fazit

2026 markiert den Übergang von freiwilliger Nachhaltigkeitskommunikation zu verbindlicher, prüfpflichtiger Dokumentation. CSRD, ESPR und der digitale Produktpass erzeugen gemeinsam einen strukturellen Druck, der Unternehmen zwingt, IT-Hardware anders zu beschaffen, zu nutzen und zu dokumentieren. Der Refurbished-Markt wächst nicht trotz dieses Drucks, sondern wegen ihm. Mietmodelle wie das von get-IT-easy e.K. fügen sich in diesen Wandel ein, weil sie Gerätelebenszyklen verlängern und Neubeschaffung reduzieren. Wer jetzt Prozesse für zirkuläre Hardware-Nutzung aufbaut, investiert nicht nur in Compliance, sondern in eine Beschaffungsstrategie, die mittelfristig auch ökonomisch robuster ist.

Quellen

  • https://www.get-it-easy.de/
  • https://www.din.de/en/getting-involved/standards-committees/dke
  • https://www.bundesumweltministerium.de/themen/nachhaltigkeit/konsum-und-produkte/produktbereiche/green-it/green-it-produkte-und-oeffentliches-beschaffungswesen
  • https://www.energiezukunft.eu/klimakrise/warum-2026-ein-wendejahr-fuer-die-digitalinfrastruktur-wird
  • https://www.dimido.de/markt-refurbished-hardware-deutschland
  • gie.de

Stand: 04. Juli 2026