Mobbing: Definition, Merkmale und Formen einfach erklärt

Mobbing bezeichnet eine systematische, wiederholte Schikane einer Person durch eine oder mehrere andere Personen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass in Deutschland rund 17 Prozent aller Beschäftigten im Laufe ihres Berufslebens mindestens einmal von Mobbing betroffen sind. Der Begriff stammt vom englischen Verb to mob und bedeutet so viel wie anpöbeln oder herfallen über jemanden.

📋 Kurz zusammengefasst

Mobbing ist eine wiederholte, gezielte Schlechterbehandlung einer Person durch andere über mindestens sechs Monate. Es tritt im Beruf, in der Schule und im digitalen Raum auf. Drei Kernmerkmale unterscheiden es von einem normalen Konflikt: Systematik, Machtungleichgewicht und zeitliche Kontinuität. In Deutschland sind laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin jährlich etwa eine Million Beschäftigte betroffen.

Was ist die wissenschaftliche Definition von Mobbing?

Der norwegische Psychologe Dan Olweus prägte in den 1970er Jahren die heute weltweit verwendete wissenschaftliche Definition: Eine Person wird gemobbt, wenn sie wiederholt und über längere Zeit negativen Handlungen durch eine oder mehrere Personen ausgesetzt ist und sich gegen diese Handlungen nicht angemessen wehren kann. Diese Definition enthält drei Bestandteile, die als das 3-Kriterien-Modell nach Olweus bekannt sind:

  • Wiederholung: Einzelne Vorfälle gelten nicht als Mobbing.
  • Zeitliche Dauer: Die Forschung setzt üblicherweise sechs Monate als Schwellenwert an.
  • Machtungleichgewicht: Das Opfer kann sich strukturell nicht gleichwertig verteidigen.

Das deutsche Arbeitsrecht kennt keinen einheitlichen gesetzlichen Mobbingbegriff. Das Bundesarbeitsgericht hat Mobbing in mehreren Urteilen jedoch als systematisches Anfeinden, Schikanieren oder Diskriminieren beschrieben, das die Würde der betroffenen Person verletzt. Gerichte prüfen in solchen Verfahren stets die Gesamtheit der Handlungen, nicht Einzelakte in Isolation.

⚠️ Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel vermittelt allgemeine Informationen. Bei konkreten Mobbingfällen am Arbeitsplatz oder in der Schule empfiehlt sich die Beratung durch eine Fachstelle, einen Betriebsrat oder rechtlich qualifiziertes Personal. Rechtliche Einschätzungen ersetzen keine anwaltliche Beratung.

Welche Formen von Mobbing gibt es?

Mobbing lässt sich nach Handlungsfeld und Art der Handlung unterscheiden. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die gängigsten Formen und ihre typischen Merkmale:

Form Typische Handlungen Häufiger Kontext
Arbeitsmobbing (Bossing / Kollegenmobbing) Aufgaben entziehen, Gerüchte verbreiten, systematisch ignorieren Büro, Betrieb
Schulisches Mobbing Ausgrenzung, körperliche Übergriffe, Sachbeschädigung Schulhof, Klassenzimmer
Cybermobbing Beleidigungen in sozialen Netzwerken, Verbreitung von Fotos ohne Zustimmung Online, 24/7 erreichbar
Staffing / Führungsmobbing (Bossing) Vorgesetzte schikanieren gezielt Mitarbeitende, um sie zur Kündigung zu bewegen Hierarchische Strukturen

Cybermobbing nimmt dabei eine Sonderstellung ein, weil räumliche und zeitliche Grenzen wegfallen: Die betroffene Person ist auch außerhalb von Schule oder Arbeitsplatz erreichbar. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2022 berichteten 12,7 Prozent der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland, innerhalb der letzten zwölf Monate online gemobbt worden zu sein.

Wie unterscheidet sich Mobbing von einem normalen Konflikt?

Die Abgrenzung von Mobbing gegenüber alltäglichen Konflikten ist entscheidend, weil sie über rechtliche und soziale Konsequenzen entscheidet. Ein normaler zwischenmenschlicher Konflikt ist durch ein annäherndes Kräftegleichgewicht gekennzeichnet: Beide Seiten können ihre Position vertreten, Kritik äußern und Kompromisse schließen. Beim Mobbing fehlt dieses Gleichgewicht strukturell.

Das 4-Punkte-Abgrenzungsmodell aus der Arbeitspsychologie fasst die Unterschiede zusammen:

  1. Intention: Beim Mobbing besteht eine erkennbare Absicht zu schaden oder zu destabilisieren.
  2. Selektivität: Die Handlungen richten sich gezielt gegen eine bestimmte Person.
  3. Eskalation: Die Intensität nimmt über die Zeit zu, anstatt sich zu lösen.
  4. Struktur: Andere Akteure (Zuschauerinnen und Zuschauer) begünstigen das Verhalten durch Schweigen oder aktive Unterstützung.
💡 Expert Insight

Arbeitspsychologische Fachstellen betonen, dass die häufigste Verwechslung zwischen Mobbing und einem Führungskonflikt darin besteht, unangenehme, aber sachlich begründete Kritik oder Leistungsrückmeldungen als Mobbing einzustufen. Entscheidend ist immer das Muster: Wenn Handlungen dauerhaft, gezielt und außerhalb jeder fachlichen Notwendigkeit erfolgen, spricht das für Mobbing. Einmalige schlechte Erfahrungen oder harte, aber faire Kritik fallen nicht darunter.

Welche gesellschaftlichen Zusammenhänge gibt es?

Mobbing entsteht nicht im Vakuum. Es ist eingebettet in gesellschaftliche Dynamiken wie Hierarchien, Konkurrenzdenken und Normen des sozialen Ausschlusses. Ähnlich wie bei anderen Phänomenen sozialer Unterdrückung zeigt sich, dass Gruppen, die in einem System weniger Macht besitzen, häufiger Ziel von Ausgrenzung werden. Das gilt für Zugehörigkeit zu Minderheiten ebenso wie für berufliche Positionen.

Wer sich mit den Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung und Aushandlung beschäftigt, findet bei Themen wie Demokratie: Definition, Merkmale und Arten einfach erklärt weitere Grundbegriffe, die helfen, soziale Machtverhältnisse zu verstehen. Denn demokratische Strukturen sollen gerade jene Schutzmechanismen bereitstellen, die Einzelpersonen vor systemischer Unterdrückung bewahren. In autoritären oder stark hierarchischen Systemen hingegen fehlen diese Schutzmechanismen häufig, was Mobbingstrukturen begünstigt. Historische Beispiele für kollektive Ausgrenzung auf gesellschaftlicher Ebene werden etwa unter Faschismus: Definition, Geschichte und Merkmale verständlich erklärt analysiert.

Was sind typische Phasen im Mobbingprozess?

Der Verlauf von Mobbing folgt häufig einem erkennbaren Muster. Die Forscherin Heinz Leymann, die in den 1980er und 1990er Jahren grundlegende Arbeiten zur Mobbingforschung veröffentlichte, beschrieb ein Stufenmodell, das in der Fachliteratur als 5-Phasen-Eskalationsmodell nach Leymann bekannt ist:

  1. Auslösesituation: Ein Konflikt oder Ereignis bildet den Ausgangspunkt.
  2. Aggressionsphase: Gezielte, wiederholte negative Handlungen beginnen.
  3. Rechts- und Personalverwaltungsphase: Vorgesetzte oder Institutionen werden einbezogen, oft zuungunsten der betroffenen Person.
  4. Fehldiagnose: Betroffene erhalten psychische Diagnosen, die die eigentliche Ursache verschleiern.
  5. Ausschluss: Kündigung, Versetzung oder langfristige Arbeitsunfähigkeit.

Leymann schätzte, dass bis zu 15 Prozent aller Suizide in Schweden in den 1990er Jahren mit Mobbingerfahrungen am Arbeitsplatz in Verbindung standen. Diese Zahl verdeutlicht, welche psychosoziale Dimension das Phänomen haben kann. Der Aufbau von Resilienz: Definition, Bedeutung und wie du sie im Alltag stärkst wird in der Prävention häufig als ein unterstützender Faktor diskutiert, der betroffene Personen in früheren Phasen handlungsfähiger halten kann.

Welche rechtlichen Rahmenbedingungen gibt es in Deutschland?

Ein eigenständiger Mobbingparagraph existiert im deutschen Recht nicht. Dennoch greifen mehrere Normen: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt vor Diskriminierung aufgrund von Merkmalen wie Herkunft, Religion oder Geschlecht. Das Bürgerliche Gesetzbuch ermöglicht Schadensersatz- und Schmerzensgeldklagen bei Persönlichkeitsrechtsverletzungen. Arbeitsrechtlich besteht zudem die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers: Arbeitgeber sind verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, sobald ihnen Mobbingvorfälle bekannt werden.

Laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin entstehen durch Mobbing in Deutschland jährlich volkswirtschaftliche Kosten in Milliardenhöhe, unter anderem durch krankheitsbedingte Fehlzeiten, die im Schnitt bei gemobbten Beschäftigten um 50 Prozent über dem Durchschnitt liegen.

💬 Meine Einschaetzung

Ein oft übersehener Aspekt in der Mobbingdebatte ist, dass Prävention fast immer auf der Ebene der Betroffenen angesetzt wird, etwa durch Resilienztraining oder Kommunikationskurse. Dabei zeigen die meisten Daten, dass Mobbing ein strukturelles Phänomen ist: Es gedeiht dort, wo Führungskräfte wegschauen, wo Beschwerdekanäle fehlen oder folgenlos bleiben, und wo eine Kultur des sozialen Ausschlusses als normal gilt. Wer Mobbing ernsthaft reduzieren will, muss primär die Kultur und die Strukturen verändern, nicht das Verhalten der Betroffenen. Das ist der kontraintuitive Befund, den Leymanns Forschung seit Jahrzehnten nahelegt, der aber in Organisationen noch immer zu wenig handlungsleitend ist.

✓ Das Wichtigste in Kuerze

  • Mobbing erfordert laut dem 3-Kriterien-Modell nach Olweus: Wiederholung, mindestens 6 Monate Dauer und ein Machtungleichgewicht.
  • In Deutschland sind jährlich rund 1 Million Beschäftigte von Mobbing betroffen (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin).
  • 12,7 Prozent der 12- bis 17-Jährigen berichten laut BZgA-Studie 2022 von Cybermobbing-Erfahrungen innerhalb eines Jahres.
  • Ein eigener Mobbingparagraph existiert in Deutschland nicht; Schutz bieten AGG, BGB-Persönlichkeitsrechte und die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers.
  • Das 5-Phasen-Eskalationsmodell nach Leymann zeigt, wie Mobbing schrittweise eskaliert und schließlich zum Ausschluss der betroffenen Person führt.
  • Effektive Prävention setzt primär auf Struktur- und Kulturveränderungen in Organisationen, nicht allein auf Maßnahmen für die Betroffenen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Berichte zu psychischer Belastung und Mobbing am Arbeitsplatz
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Studie zur Verbreitung von Cybermobbing unter Jugendlichen, 2022
  • Olweus, Dan: Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten und tun können. Huber Verlag, 4. Auflage 2006
  • Leymann, Heinz: Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Rowohlt Verlag, 1993